„Ähnes Stuba und die Sternspritzer“ Eine Weihnachtserinnerung von Hermine Feurstein

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In meiner Großfamilie ist es Tradition, dass am Weihnachtstag – am 25. Dez. sich alle zum Kaffee beim Ähne treffen.  Da wird es richtig voll um die Ofenbank und den großen Tisch (ich habe 6 Geschwister, 4 Schwäger und 13 Neffen/ Nichten) Jede Tochter bringt einen Kuchen mit, was praktisch ist und mittlerweile keine Absprachen mehr braucht. Zu meiner Aufgabe gehörte es auch, für meinen Däta die Enkelgeschenke zu besorgen, was ich immer gerne übernehme. Auch wenn die Anfrage in der Regel immer erst eine Woche vor Weihnachten kommt, da mein Vater schon recht dement ist. Auch habe ich gelernt schon vorher die Spielanleitungen zu lesen, damit man gleich die ersten Spiele ausprobieren kann.

Nach Kuchenessen und Geschenkeverteilung folgt für mich der Teil, vor dem ich mich fürchte.
Nein, es ist nicht der Abwasch und auch nicht der Restmüll. Mein Versuch mich jetzt davon zu schleichen, wird mit Unverständnis kommentiert. „Dir springt doch Zuhause heute auch nix mehr davon“, was ja auch stimmt. Es ist der Moment, in dem meine Geschwister mit Freude vorschlagen doch noch miteinander ein paar Weihnachtslieder zu singen. Mein musikalischer Schwager holt nach kurzem Betteln, die Gitarre und der Christbaum und die Krippe werden beleuchtet. Jetzt gilt es für mich einen Platz im Hintergrund zu suchen und ein Patenkind zu mir auf den Schoß zu holen, an dem ich mich festhalten. (Danke Klaudia, dass ich Gota sein darf!)

Und schon geht’s los mit „Ihr Kinderlein kommet…“ Für mich kommt jetzt der Moment, an dem ich schmerzhaft spüre, dass ich keine Kinder habe und auch nie Mama sein werde. Verbunden mit den eigenen Kindheitserinnerungen kämpfe ich mit meinen Tränen und mein Blick geht tapfer zum Sternspritzer an der Decke und es ist ja auch dunkel, da sieht man sie nicht. Dass die Sternspritzer nicht ausgehen, dafür habe ich gesorgt – man trifft ja seine „Sicherheitsvorkehrungen“. Von außen gesehen, ist der Moment auch schön – wenn nicht sogar kitschig und so schlecht singt meine Familie nicht. Welche Gefühle jetzt bei meinem Däta da sind, weiß ich nicht – aber seine Stube ist voll mit Kindern und Enkeln.  So wird es bei mir nie sein – das tut weh. Weiter geht es im Liedprogramm mit „Oh du fröhliche“ und dann in Erinnerung an meine verstorbene Mama noch ihr Lieblingslied „Maria durch den Dornwald ging“. Nach 2-3 Wunschliedern und 2 Sternspritzer später, ist die Luft in Ähnes Stube wirklich dicht und die Türen und Fenster werden einmal zum Durchlüften geöffnet. Für heuer überstanden!

Langsam löst sich auch die Großfamilie auf und die einzelnen Familien machen sich auf den Heimweg, vollgepackt mit Restkuchen und den kleinen Geschenken. Auch ich steig in mein Auto und fahr nach Hause. Endlich darf ich meinen Tränen freien Lauf lassen.

Heuer zum ersten Mal wird die Stube von Däta kalt bleiben, da er heuer im Februar mit 94 Jahren verstorben ist. In der Familien-WhatsApp Gruppe wird schon rege diskutiert wo und wann man sich heuer trifft.  Werde mal dafür sorgen, dass die Sternspritzer nicht ausgehen.

Hermine Feurstein